


|
Ein Furioso ganz eigener Art !
Statt Jazz - Konzert: die Show der AG. Geige ...
Montags - Jazzkonzert im Fuchsbau. Angesagt ist die AG. Geige, bereits bekannt von der AMICA - Scheibe Nr. 856491 mit "Trickbeat" in den Ohren der Fans als Außergewöhnliches, Neuartiges, Spektakuläres, vielleicht als "Independent Music", plaziert. Also: nicht Jazz an diesem Abend.
Punkt 20 Uhr beginnt das Konzert. Konzert? Die Show! Vier Musikanten, in nonkonformer Verkleidung, Pappmache, goldener Zylinder, Hulahoop - Reifen, Kegelhut mit Lampen - Imitat, Science fiction. Die phantastische Bemalung der papiernen Kleider erinnert an naive Kunst, vielleicht eher an Kindliches. Jeder präsentiert sich als Individualist - wie auch im Konzert. Platz zum Stehen ist kaum noch, dafür mehr gespannte Stille für das monströse Spektakel mit Musik, Action und Filmspots in stets überraschender Synthese.
Ina und Jan Kummer, Frank Bredschneider und Olaf Bender treten in Aktion, bedienen ihre bundbekabelten Keybords sowie die zerrige Gitarre und lassen sich durch die computergestützte "300 Series Electronic Music Box" ein unerbittliches Metrum verordnen. "Elektronisch erzeugter Kontrapunkt, dessen Ergebnis dichte, hypothetisch schnelle Kompositionen sind, die stark an Bach erinnern" - ich kann Bach nicht erkennen, hoffe aber dennoch im Gewühl von scheinbar undefinierbaren Klangfarben - überhöht, transformiert, vereinzelt pentatonisch, vielfach angenehm harmonisch, schreiend, deklamatorisch, auch still und verhalten, aufbauend und neue Spannung verheißend - ein Furioso eigener Art.
Der Filmspot schaltet sich ein, reißt die Klangkulisse auseinander und erzwingt neue Aufmerksamkeit: Futuristisches, skurrile Farbkompositionen, Tonbreaks. Dominus vobiscum!
Zur Überraschung ein Nackter, dessen Phallus in das sich ekstatisch steigernde Zittern einstimmt und schließlich nicht mehr wahrnehmbar ist. Neuaufbau der Töne, ein Kampf mit den Gewalten des Lebens, gesetzt in Noten. Texte sind, wenn auch schlecht, zu hören und vermitteln quasimeditatives Befinden.
Ein neuer Spot, diesmal abgestürzende Flugzeuge, Brennendes, schreiende Menschen, unterbrochen vom Arrangement eines Räderensembles, und wieder grelle musikalische Farben im Background.
"Die Flüsse schwellen an. Die Ströme drängen durch die Straßen. Die Nässe treibt die Elektrizität aus den Häusern, und die Menschen müssen mit riesigen Stelzen einholen gehen. Vom Himmel stürzen gekochte Eier, durchschlagen die Autodächer und füllen die Senkgruben ... Ein schneidender Wind fegt den Belag von den Butterbroten und stürzt die Antennenanlagen in die Dachkammern. Die Öfen qualmen fürchterlich, und das Pfeifen des Windes preßt die Ohren der Menschen zu kleinen Würfeln. Die Hitze ist enorm. Das Essen ist aus den Töpfen gestiegen und dringt nun in die öffentlichen Gebäude ein. Die Fernsprecher versagen, und die Menschen können keine Karten mehr versenden. Das Essen brüllt und brodelt und die Menschen haben große Angst, große Angst".
Das Plattencover verhilft mir zum Verständnis. Dabei sehe ich noch in viele filmische Gesichter, vielleicht 50 - lachende, nachdenkliche, hoffnungsvolle, verzagte, mutlose, zufriedene, gleichgültige, entsetzte, liebe - alle im Wechsel und auf den Wogen der musikalischen Synchronismen.
Das Spectaculum scheint unersättlich und duldet keine Schwäche. Perfektion auf neue faszinierende Art, hinführend auf den moralischen Kontrapunkt, der die Klammer schließen hilft:
"Wir Lebenden haben nur eine Pflicht: die Zeit zu verwerten".
Wie wahr! Ich lasse diese Formel auf mich wirken, nach Bach suche ich verständlicherweise nicht mehr.
© 21. Februar 1991, FP Lokal Chemnitz [Dr. F.]
|



|