


|
Trickbeat On The Rocks!
Die AG. Geige geht wieder um ...
Der Redensart nach überstehen Huren und Musiker jede Revolution. Das dürfte uns allen ja auch einleuchten, schließlich haben diese Gewerbe was Universelles oder sind einfach nur anpassungsfähig genug. Außerdem, das Säugen der leiblichen und sinnlichen Lust, zu jeder Zeit ausgesprochen begehrter Zeitvertrieb.
Huren und Musiker sind freilich nicht weniger universell oder einfach anpassungsfähig als andere Berufstätige, etwa Bäcker oder Polizisten, Hochschulprofessoren, jeder stinknormaler Geheimdienstler oder Zeitungsschreiberlinge (gewiss doch, auch die). Allerdings fällts bei denen eher ins Auge. Auf die schaut der Bürger, denn Huren und Musiker geben nicht bloß gute Hofnarren ab, sondern besitzen gleichzeitig Stellvertreterfunktionen für geheime Sehnsüchte der dumpfen Mehrheit und selbst derer Lehnsherrschaft. Womit wir endlich auf den Kern meiner ungehörig tief schürfenden Vorrede kommen, nämlich den feinen Unterschied zwischen universell und anpassungsfähig. Manche Hure treibst schlichtweg mit jedem., der nur genug zahlt. Mancher Musiker auch. Aber dann kenne ich Musiker, die passen einfach immer. Das heißt natürlich nicht, es gäbe keine solche Huren. Aber eigentlich wollte ich sagen, dass die AG. Geige uns neben gewissen Bands auch nach der Wende erhalten blieb, verdanken wir dem Umstand, dass die Wende gar keine war und weil die AG. Geige immer wusste, was die Dinge im Inneren zusammenhält. Das hat mit Variabilität nichts zu schaffen, das ist das Universelle.
Freilich produziert mein Gehirn nur deshalb solch abstrusen Gedanken - Knäuel, weil Rock hierzulande einen der wenigen Austragungsorte sozialer Widersprüche abgab. Davon wissen wir natürlich. Rezipienten wohl noch besser als die Künstler. Denn jene legten ihre Absonderungen gar nicht so oft bewusst als Provokation an. Gedeutelt wurde meist durch andere, misstrauische Kontrolleure einerseits, das begierige Publikum anderseits. Auch das ein gebongter Tatbestand. Den erneut zu repetieren, er gibt nur Sinn als Hinweis darauf, selbst universelle Bands wie AG. Geige wechseln von den Alten in die Neue Zeit, da Traditionslinien in andere Richtungen abzubiegen beginnen, keineswegs ohne Erbmasse.
Am ohrenfälligsten knüpfen sie erstaunlicherweise auf einer Ebene an, die entgegen dem bedeutungsschwangeren Tiefsinn, den ich schon wieder beizubringen versuche, ungemein banal und geringfügig erscheinen mag. Sampler, bessere Drumcomputer, neue Effektgeräte wurden massiv aufgefahren, die Marktwirtschaft macht’s möglich. Noch reicht das Technikpotential nicht aus, die perfekte getimte Live – Show abzuziehen (wobei Konzerte auch nicht das erstrebte Ziel sind!), doch die AG. Geige klingt endlich, wie sie immer schon zu klingen beabsichtigte, nämlich ziemlich hart, Synthelmann:“Wir wollten eigentlich von Anfang an schon so ein recht kräftiges Ding, was laut ist, was auch mit Rock zu tun hat, richtig heavy, aber anderes mit rein bringt. Bloß am Anfang ist uns das einfach nicht gelungen.
Wir hatten nicht die Instrumente, nicht die PA, überhaupt nichts. „Elektronik und der gewisse Härtegrad, beides fand dann wohl seine adäquate Entsprechung im Traumton Studio im Keller von Berlin? “Das ist nicht spezialisiert auf Bands wie uns, vorher haben dort Mikes Theodorakis und Lotti Huber aufgenommen, aber das Studio ist sehr modern, man nimmt dort geeignet war, liegt eher an dem Menschen (Wolfgang Loos), der das macht. Er hat früher sehr viel mit Elektronikern gearbeitet, z.B. mit Frieder Butzmann aus Westberlin. Er kennt auch die Alten, Tangerine Dreams, Chris Frnake und so. Aber spezialisiert? Gerade bei Sample – Technik gab’s sogar Grundsatzdiskussionen, ob Sample – Klau gerechtfertigt ist. Klauen konnte er gar nicht, weil er damit eigene Erfahrungen gemacht hat, als Urheber nämlich. Die Klau – Samples wurden deshalb alle nachgestellt. Daher also schon wieder kein ideales Studio. Als Sample – Band zu einem Produzenten zu gehen, der mit Samples nichts am Hut hat, das ist ganz schön komisch.
Wenigstens dürfen immer schon unzutreffende, anfänglich jedoch recht hilfreiche Vergleiche mit Depeche Mode nun wahrhaftig schwer fallen. Der verspielte Charakter schwand, harsche Gitarren – Riffs und böse Drum – Sounds wurden integriert. Den Popsong – Charakter hingegen findet man sogar noch ausgebaut, übrigens bei unverändertem Mut zum Unfertigen/Autodidaktischen/Naiven und gleich bleibender Fähigkeit, den Zuhörer von einer Emotionsregung in die nächste zu stürzen. Das nun wieder können wir als verblüffende und gleichermaßen widersprüchliche Entwicklung registrieren. In gewisser Weise wurde davon auch das optische Beiwerk auf der Bühne erfasst. Die alten Kostüme und Filme, für welche die band von jeher berühmt ist, weichen nach und nach anderen. Tast – Ex nähte sich ein schickes Schnatterinchen – gewand, Kranzler spielt neuerdings den höfischen Fliegenpilz, Rabe verkleidet sich als Wurm. Eine seltsame Mischung aus Märchenland und aufblasbaren Schwimmhilfen. Lustig an zu schauen. Nur Synthelmann trägt noch sein älteres, leicht furcht erregendes Kostüm mit Hörnern. Das allerdings passt sehr gut zu einer der neuen Filmsequenzen, wo man irgend so schlabberiges Zeugs aufgetischt bekommt.
Im Original handelt es sich wohl zwar um Pudding, kommt einem derart befremdlich verarbeitet aber eher vor wie Inneres frisch vom Metzger. So was Ekelhaftes wurde bei AG. Geige bisher nicht gezeigt. Einen Text wie jenen hatten wir ebenso wenig, trotzdem die AG Geige zu makaberen Kleinigkeiten neigt:
Der kleine Idiot sitzt in der Post
Und liest meine Briefe
In meiner Post finde ich Haare
Auf dem Papier fettige Spritzer
Er sitzt da und säubert seine Fingernägel
Mit meinen Postbriefumschlägen
In meinen Briefen weiße kleine Schuppen
Und auf dem Papier schwarze Kugeln
Zwischen den Zeilen fettige Spuren
Der Idiot sitzt da - schwitzt
Und wartet auf meine Briefe
Er studiert meine Post
Und man findet geronnenes Fett
Geruch und lange Haare
Nägel, Schuhe und Buchstaben
In meinen Postbriefumschlägen
Härte erzeugt manchmal auch Klarheit. In diesem Punkt schritt die AG. Geige ebenfalls voran:
Wenn du singen könntest,
hätten sie, die Menschen
dich längst in einen Käfig getan.
Ich stelle mich neben dich,
und turne,
weil ich Kraft benötige.
Kraft für dich, Bubu!
Denn wenn sie denken würden
du könntest singen,
hätten die Menschen
dich längst in einen Käfig getan.
Wenn einer kommt
und dich in einen Käfig tun will,
dann komme auch ich,
und ich bin Turner.
Turner für dich, Bubu!
Wenn ich singen könnte,
singen für dich
und einer treibt Sport,
Sport nur für mich,
dann bist das sicher du,
der da turnt für mich, Bubu!
Aus beiden Songs lässt sich wundervoll auf die Zeitzeichen münzen, obendrein, wenn bekannt ist, das wichtigste Basismaterial im seligen Herbst 89’ entstand. Doch besser bilde sich darüber jeder seine eigene Meinung. Das bereitet viel größeren Spaß und die band dementiert sowieso, bzw. lenkt konsequent ab nach alter Manier; Synthelmann:
“ Dass ein Großteil der Kompositionen um diese Zeit entstand, ist eigentlich mehr ein komischer Aspekt, weil ich keiner derjenigen war, die auf die Straße gingen. Ich hab mir das Fernsehen angekuckt. Ich befand mich gerade in einer Arbeitsphase, vielleicht war’s auch ein Rückzug von all dem ringsum, wovon ich auch gar nichts so richtig begriffen hab. Na gut, im Nachhinein gibt’s schon ein paar Textstellen.“
Rabe: „Also „Leder“ (ein weiteres neues Stück) hat einen direkten Bezug. Irgendwie war das wirklich markant, mit diesen Lederklamotten – Läden plötzlich. Aber eigentlich ist das Stück universell. Genau so wie der Banane – Song oder der vom Konsum.“ Synthelmann:“nee, nee, es gibt schon zwei Nummern. ’Leder’ ist die eine, ’Trickbeat’ (noch ein neues Stück) das andere: ’Aber man hat das einfach so geschrieben, wie wir eigentlich immer schon gearbeitet haben. Man trägt Ideen mit sich rum und arbeitet die irgendwann aus.“
Das erste der oben zitierten Stücke sollten wir deshalb als eine der beliebten kafkaesken Situationen verstehen, welche sich AG. Geige gern ausmalt (oder:“ Post, das ist ’ne Institution, wo so Larven rumsitzen, Typen, die nichts anderes gefunden haben.“) Das zweite, so unglaublich es auch erscheinen mag, ist gedacht als Liebeserklärung an Rabe. Zusammen mit weiteren sind alle genannten Stücke auf dem zweiten Album der AG. Geige zu finden. „Raabe ?“ heißt es und erscheint beim rührigen Zensor. Wer die Band also nicht im Konzert erhascht, kann seine Meinung somit auch daheim bilden. Und sich prächtig unterhalten.
© 1991, NMI, Messitsch [B. Gürtler]
|



|