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Zwischen Witz und tiefem Sinn!
Interview - Neubrandenbuger Rundschau 1993 ...
Neubrandenburg. AG Geige! Sie sind weder eine Arbeitsgemeinschaft noch spielt irgendein Gruppenmitglied Geige. Jenseits des Novembers 1989 waren sie die Kultband überhaupt und brachten es trotz avantgardistischer Elektronikmusik mit Techno-Einflüssen und skurrilen Texten zu einer ungeahnten Popularität.
Nach sieben Jahren Bandgeschichte mit spektakulären Liveaktivitäten, den Demoproduktionen „Yachtclub und Buchteln“ (1987), „Trickbeat“ (1988), einer Amiga-LP „Trickbeat“ (1988) und der CD „Raabe?“ (1991) traten Frank Bretschneider, Olaf Bender, Ina Kummer und Jan Kummer im Rahmen der DokumentART erstmalig in Neubrandenburg auf.
Unser Redaktionsmitglied Jens-Uwe Berndt sprach mit ihnen.
Nach der Wende trat in Sachen AG Geige ein Informationsdefizit auf. Was ist seitdem geschehen?
AG Geige: Erst mal haben wir uns ein neues Plattenlabel gesucht. Dort ist die CD „Raabe?“ erschienen. Sie war praktisch das wichtigste Produkt nach der Wende. 1992 veröffentlichten wir ein Buch mit unseren Texten und eigenen Illustrationen. Dann haben wir letztes Jahr zwei Tourneen gemacht – Ost und West. In erster Linie aber hier im Osten.
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In den alten Bundesländern kennt man Euch quasi überhaupt nicht. Wir war dort die Resonanz?
AG Geige: Sie war toll, und den Leuten hat es unheimlich gut gefallen. Das Haupt-problem war unser Name, der ganz andere Assoziationen hervorruft als Elektronik. Für das dortige Publikum sind wir immer eine Überraschung.
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Was ist von der Musik aus den „Yachtclub“-Zeiten übriggeblieben?
AG Geige: Die Sounds haben sich einfach verbessert. Und sicherlich hat sich auch einiges verändert, da ja nichts stehen bleibt. Es gab aber keinen Bruch. Wir sind etwas rockiger geworden und auch rhythmischer, denn wir haben heute mehr technische Möglichkeiten. Früher zeigten wir in unseren Konzerten zum Beispiel 16-Millimeter-Filme, heute sind es halt Videos.
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Eure Konzerte sind immer mit großem Aufwand betrieben worden. Trotzdem habt Ihr früher einmal geäußert, dass Konzerte nicht das angestrebte Ziel seien. Ist da nicht ein Widerspruch?
AG Geige: Am Anfang waren wir einfach überfordert. Wir sind ja keine Musiker in eigentlichem Sinne. Man kann als Band auch existieren, indem man nur Studioproduktionen veröffentlicht. Die erste Kassette hatten wir in mühseliger Kleinarbeit zu Hause zusammengebastelt, als es plötzlich hieß: Ihr müsst raus, ihr müsst spielen. Und das konnten wir eigentlich gar nicht. Uns fehlten außerdem die technischen Voraussetzungen, um das zu Hause Zusammengefügte live zu reproduzieren. Ein typisches Ostproblem war es auch, dass die Anlagen für elektronische Musik überhaupt nicht geeignet waren. Die ersten drei, vier Jahre konnte man sich unsere Konzerte eigentlich gar nicht anhören.
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Nach dem Kultstatus folgte eine große Popularität. Das sagte Euch damals nicht zu. Wie steht Ihr heute zu diesem Thema?
AG Geige: Es ist normaler geworden. Dadurch, dass unsere Musik damals viel über DT 64 lief, hatten wir teilweise ein völlig unpassendes Publikum. Man landet zwei, drei Hits, und schon zieht man ein Teenie-Publikum an. Es ist einfach blöd, wenn zu deinen Konzerten Leute kommen, die mit der restlichen Musik nichts anzufangen wissen. Viele sahen uns als totale Spaßcombo. Wir waren halt angesagt, und man klatschte, selbst wenn das Konzert noch so schlecht war. Heute kommen zu uns weit weniger Leute als beispielsweise zu Die Art, Sandow oder Die Vision. Wir haben aber einen festen Fankreis.
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Sind Euch die Leute lieber, die sich über Eure Texte grundsätzlich kranklachen, oder jene, die hinter allem einen tieferen Sinn suchen?
AG Geige: Wir haben keinen Faschingshumor oder machen Ulk. Natürlich ist es spaßig, und wir wollen auch tiefere Inhalte vermitteln. Doch manchmal interpretiert jemand mehr aus deiner Musik heraus, als du selbst versucht hast auszudrücken. Das beste ist, wenn die Leute sich nicht so sicher sind: Soll ich nun lachen, darf ich überhaupt lachen oder lieber nicht. Der eine findet etwas unheimlich tiefsinnig, der andere ist vom selben amüsiert. Beides ist uns recht, denn es ist alles mit einer gewissen Phantasie verbunden. Wir sind innerhalb der Band in vielerlei Hinsicht so unterschiedlicher Meinung, dass wir uns vor klaren Botschaften scheuen.
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Wie steht Ihr zu aktuellen Trends in der Popmusik wie Techno oder Industrial?
AG Geige: Davon sind wir große Freunde. Nicht umsonst sind diese Stilrichtungen auch in unsere Musik eingeflossen. Wir denken auch, dass die nächsten Jahre sehr elektronisch sein werden. Der Höhepunkt der Gitarrenmusik war mit den Pixies und Sonic Youth erreicht.
© 1993, Interview - Neubrandenbuger Rundschau [Jens-Uwe Berndt]
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