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Abseits von Klischees und softigen Charts!
Neuste LP der AG Geige – nicht gängig, aber gut ...
Nicht selten sagt man, dass Live-Konzerte von Musikern immer ein besonderes Erlebnis sind, meist besser als die dazu gehörige Plattenaufnahme in irgendeinem Tonstudio.
Bei der letzten LP „Raabe?“ der wohl zurzeit bekanntesten Chemnitzer Band AG Geige kommt man jedoch ein wenig in zweifeln. Mit dem neusten Exemplar aus der Plattenpresse ist den Nachwuchskünstlern doch eine – insbesondere inhaltliche durchweg anspruchsvolle Vinylscheibe gelungen, die sie vor einiger Zeit schon auf der Welle des Jugendsenders DT 64 vorstellen konnten.
Sicherlich, für den einen oder anderen ist der Begriff „Avantgarde-Musik“ schon ein akustisches Schreckensbild, denkt er dabei vielleicht nicht ganz umsonst an schrille und schräge Endzeitklänge nach dem Beispiel der englischen „Testdepartment“ – Formation.
Abseits solcher Vorurteile und ganz im Gegensatz dazu bieten Frank Bretschneider, Olaf Bender, Jan und Ina Kummer auf ihrer Platte neben einigen etwas kernigeren Synthystücken („Blauer Mond“) durchaus ein paar eingängige und melodiöse Werke, wie etwa „Leysegang und ich“.
Insgesamt enthält die Raabenscheibe 17 Stücke und ist auch als CD erhältlich. Bemerkenswert sind in erster Linie die Texte der Geigen – Produktionen. Hier ist zu hören auf jeden Fall erwünscht, manchmal sogar unumgänglich, selbst wenn der Einstieg in das eine oder andere Musikstück zunächst nicht ganz leicht und reibungslos verläuft.
Witzig, abwechslungsreich und bisweilen recht gewagt, aber dennoch durchaus ansprechend sind einige Wortspielereien („Beklagenswertes Los eines Roboterwaisenkindes“) mit tiefgründigem Hintergedanken. Hierbei sticht besonders die Neger-Abstammungsanalyse „Wo kommt er her?“ mit ihren teilweise grotesken Aussagen hervor.
Zuhören lohnt sich eben. Für Leute, die abseits der gängigen Charts von Jackson und Hammer beim Musikgenuss nicht gleich das Denken vergessen, sondern noch das Bedürfnis haben hinzuhören, kann man die Platte eigentlich empfehlen.
Dabei sollte man aber einerseits berücksichtigen, dass es sich bei der AG Geige um eine Art von Performance Künstlern handelt, deren audio-visuell ausgelegte Konzerte sich nicht unbedingt mit der Platte vergleichen lassen. Andererseits liegt hier jedoch keine kommerzorientiert gängige, dagegen aber eine etwas quer geratene bunte Musikrichtung vor, so dass der unbedarfte Zuhörer mit einem Schuss Toleranz und Einfühlungsvermögen in die Platte hineinhören sollte.
© 1992, Freie Presse Chemnitz [Stefan Reisz]
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