


|
Von Fröschen und Geigen!
Land der Überschätzung: zum neuen AG Geige Buch ...
(HN). „Kommend aus dem Land der permanenten Überschätzung des Textes als eigentliche Aussage von Rockmusik“, musizieren die meisten deutschen Musikformationen in englisch, wofür man ihnen dankbar sein muss, falls man sich einmal die Mühe gemacht und die Texte übersetzt hat; potenzierte pseudophilosophische Weisheiten lassen sich besser in einer fremden Sprache ertragen.
Jedoch, es gib Ausnahmen, eine davon ist AG Geige in zweierlei Hinsicht. Erstens singen sie deutsch und zweitens hat der fehlende Sinn in ihren Texten System.
Nun haben sie ein Buch auf den Markt geworfen mit gesammelten Songtexten aus verschiedenen Epochen ihrer siebenjährigen Existenz.
Ich nahm das Buch skeptisch zur Kenntnis; werden diese Texte überhaupt ohne Musik funktionieren, verlieren sie nicht ihren Witz, wenn sie so nackt und bloß auf dem weißen Papier stehen, jederzeit nachlesbar? Jedem erdenklichen Klischee eines Rezensenten entsprechend, finster umwölkte Stirn, zu schmalen Schlitzen verengte Augen, nahm ich es in die Hand; aha, es sieht rot aus und nennt sich „Von Fröschen und Träumen“. Ich las das Vorwort von Hans Brinkmann, obwohl ich diese ansonsten generös überblättere, las die kleinen kuriosen Erzählungen und die „Gedichte“, betrachtete die Bilder und war plötzlich am Ende des Buches angelangt.
Noch einmal schlug ich es auf, suchte einzelne Passagen heraus und zog sie mir mit immer großer werdendem Vergnügen rein. Was ist nun das Besondere an den Texten der AG Geige? Der fehlende Sinn ist es nicht allein, erzählt werden absonderliche Begebenheiten und Situationen, eigentlich Nebensächlichkeiten, die keiner Erwähnung wert sind, mit einem dramatischen, dem Inhalt völlig unangepassten Ernst; ganz im Stile der Dadaisten.
Es ist eine merkwürdige Welt, in die die Geigen mit einem eigentümlichen Humor entführen, mit Bravour bewältigen sie die schmale Gradwanderung zwischen Nonsens und Ironie; fehlende Pointen entwickeln sich zu welchen. Es existiert kein Thema, vor dem sich scheuen würden, es in ihren Texten zu verfremden, sei es nun die Kosumsucht (Maximale Gier), Science Fiction (Kosmonauten), aber auch vor Personen machen sie nicht halt; der Bruder (Nur fort zum Erdenball), das ei-gene Kind (Felix), aus allem machen sie einen Witz, ganz ohne Tabu, und das macht sie lesenswert, das Buch zu einem Erlebnis.
Einen Makel hat dieses Buch jedoch, kein Text und kein Bild trägt die Unterschrift des Machers; die Geigen wollen nur als Band auftreten, nicht als Einzelperson. Meines Erachtens ist dieses Konzept fehlgeschlagen, der Qualität der Texte schadet es aber nicht. „Der Tag beginnt unglaublich; Es gibt nichts mehr zu sehen...“ hoffen wir, dass diese schlimme Vision nicht für die Geigen zutrifft und sie noch genügend Inspiration haben, woher auch immer.
© 1992, Buchbesprechnung Freie Presse
|



|